Ein Haus mit Tradition
Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und begleiten Sie uns auf einer Zeitreise mit kleinen Anekdoten…
Gründerzeit
Die Wirtschaft boomt, die Industrialisierung steht kurz bevor und Frankfurt braucht einen Bahnhof, der dem Anspruch der neuen Zeit gerecht wird. Auf dem Gelände einiger kleiner Bahnhöfe wird am 18. August 1888 schließlich der Centralbahnhof – der heutige Hauptbahnhof – eröffnet.Zugleich ist dies der Startschuss für eine geordnete Bebauung des Viertels mit Straßen, Plätzen, Wohn- und Geschäftsgebäuden. Auf der Südseite des Bahnhofs entsteht die Baseler Straße mit wunderschönen Häusern im Stil der Gründerzeit.
Der großzügige Bahnhof, die florierende Wirtschaft und das gesellschaftliche und kulturelle Leben sorgen dafür, dass immer mehr Reisende nach Frankfurt kommen. Übernachtungsmöglichkeiten für wohlhabende Gäste werden gebraucht. Und so entstehen am Bahnhof mehrere neue Hotels, darunter die eleganten Häuser „Prinz Heinrich“ und „National“.
Vor dem Zweiten Weltkrieg
1936 ist das Hotel „Prinz Heinrich“ eines von mehr als 20 Hotels rund um den Bahnhof. Geleitet wird es von Hoteldirektor Westenberger. Die 100 Betten mit 10 Gemeinschaftsbädern, fließendem Wasser und Zentralheizung werden ab 3 Reichsmark pro Nacht angeboten. Frühstück kostet 1,10 Mark und das Menü am Abend 2,20 Mark.
Währenddessen führt ein Herr namens Curt Pfoh ein paar Häuser weiter das damalige Hotel „National“.
Der Wiederaufbau
Die Bomben haben Frankfurt übel zugesetzt. Auch wenn das Bahnhofsviertel weniger schlimm getroffen wurde als das Stadtzentrum ist es aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar, wie Menschen ohne schweres Räumgerät aus Steinen und Schutt Neues schufen.
So auch Curt Pfoh, dessen Hotel „National“ im Krieg zerstört wurde. Er wagt den Neuanfang im zerbombten Gebäude des Hotels „Prinz Heinrich“. Vom Haus sind nur die Außenfassade und das Parterre übrig geblieben. Curt Pfoh und seine Frau Lucie haben eine Kunst- und Antiquitätensammlung zusammen getragen und müssen nicht mit Mangel an Geld wohl aber mit dem Mangel an Material kämpfen.
Für den Wiederaufbau holt Curt Pfoh den früheren Empfangschef des Ritters Parkhotel, Josef Steier, der gerade aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. Vier Wochen nach der Währungsreform eröffnen die beiden am 20. Juli 1948 das neue Hotel National mit 10 Betten im Parterre, einem Waschraum und einem Schrank im Flur. Preis pro Übernachtung: 7 Deutsche Mark.
Josef Steier ist alles in einer Person: Portier, Hausdiener, Heizer, Zimmermädchen, Frühstückskoch und Kellner.
Die goldene Zeit
Reisen bleibt Wohlhabenden, Geschäftsleuten, Politikern und ein paar wenigen Handelsvertretern vorbehalten. Dementsprechend hoch sind die Ansprüche im Hotel National. Die Zimmerpreise sind gemessen am allgemeinen Lebensstandard üppig, die Löhne der Mitarbeiter noch immer niedrig. Das Verhältnis Mitarbeiter zu Gast entspricht 1:2 und kein Gast trägt sein Gepäck selbst. Wer ein Bad nehmen möchte, nimmt den Service des Hausdieners in Anspruch. 5 DM kostet es, in der fürstlich großen Wanne zu liegen.
Bis zum Ende der 1950-er Jahre werden die oberen Etagen und die Halle ausgebaut und möbliert, der Grüne Salon kommt hinzu und auf Anweisung der Stadt müssen an der Front des Hauses die Arkaden angebaut werden. Bei der Entwicklung des Bahnhofsviertels vor über 50 Jahren war ein Schutz der Fußgänger nicht notwendig gewesen. Nun ist in Zeiten des anwachsenden Straßenverkehrs ein Bürgersteig von Nöten – für den sich die Stadt eine Arkaden-Überdachung wünscht.
1959 stirbt der Hotelier Curt Pfoh. Seine Frau Lucie übernimmt offiziell die Leitung. Zeitlebens war sie jedoch immer mehr die Hoteliersgattin gewesen, als dass sie selbst die Geschäfte geführt hätte. Und so kommt es, dass sie mehr eine repräsentative als eine leitende Rolle einnimmt. Sie reist allmorgendlich aus ihrem Heimatort Kronberg an, beobachtet das Treiben in der Halle aus einem schwarzen Ledersessel heraus, speist zu Mittag im Hotel-Restaurant und zieht sich später in den Grünen Salon zurück, um ein paar Rechnungen und Speisebons zu kontrollieren. Die Geschäfte führt weiterhin Josef Steier.
Manche Gäste registriert Lucie Pfoh mit großem Missfallen. Sie ist nun einmal eine Dame der alten Schule und möchte den Ruf des „Hauses ersten Ranges“ erhalten. Deshalb „befördern“ die Mitarbeiter des Hauses manchen Gast kurzum zu einem „Herrn Doktor Sowieso“, was bei der Grand Dame des Hauses alle Bedenken hinsichtlich des Status‘ ihres Gastes zerstreut.
Als zu Beginn der 1970er-Jahre die ersten Backpacker im Hotel National eintreffen, ist Lucie Pfoh endgültig echauffiert. Es ist den Überredungskünsten des neuen Empfangschefs Horst Tausch zu verdanken, dass der amerikanische Professor mitsamt Familie, leichtem Reisegepäck und kurzen Hosen nicht auf ein anderes Hotel ausweichen muss.
Lucie Pfoh stirbt 1972 an den Folgen eines Autounfalls. Ihr Mann Curt hatte das Erbe des kinderlosen Paares bereits vor seinem Tod geregelt. Das Hotel National geht in das Eigentum des Wiesenhüttenstifts, einer Stiftung zur „Pflege betagter Frankfurter Bürgerinnen und Bürger“ über. Das National erzielt unter der Leitung von Josef Steier gute Gewinne und soll laut Testament mindestens bis zum Jahr 2002 als Hotel weiter betrieben werden. Die erzielten Gewinne müssen an die Stiftung abgeführt werden. Doch erst einmal es kommt anders.
Schwierige Jahre
In den 1970-er Jahren beginnt am Bahnhofsvorplatz der Bau der U-Bahn. Der Zugang zum Hotel ist nur noch über die Rückseite möglich. Die Gästezahlen sind – wie bei allen Hotels rund um den Bahnhof – desaströs niedrig. 1973 werden aus der Sammlung der Pfohs acht kostbare venezianische Gläser im Wert von 30.000 DM verkauft, um die Gehälter am Jahresende zu bezahlen.Aber auch in schweren Zeiten gibt es große Namen im National: Richard von Weizsäcker, der spätere Bundespräsident, reist bescheiden vom Flughafen mit dem Bus an. Dabei führt er einen Koffer bei sich, der seine besten Tage offensichtlich schon hinter sich gelassen hat. Hildegard Hamm-Brücher, die große alte Dame der FDP, verlangt immer und ausschließlich nach Zimmer 327. Und um Reisende aus aller Welt für das National zu begeistern verfügt das Hotel in New York, Tokyo, Brüssel und Zürich über eigene Repräsentanten.
Als 1978 Renate Derlon ihre Arbeit als Hausdame im National aufnimmt, ist das Hotel auf dem Weg der Besserung. Und Silvester 1979 kann Josef Steier mit seinen Mitarbeiterin ein Gläschen Sekt auf den Erfolg trinken: Das Hotel National überweist einen kleinen Gewinn an den Wiesenhüttenstift. Es geht wieder aufwärts. Aber Josef Steier ist ein sparsamer Mann und so muss ein Piccolo für vier Abteilungsleiter und den Chef selbst ausreichen.
Umbruch
Die 1980er-Jahre sind das Jahrzehnt der Modernisierung. Während die Deutsche Post ihren Auszubildenden noch die museale, handgestöpselte Telefonanlage im National vorführt, um zu zeigen wie es früher einmal war, wird zur Jahreswende 1984/85 ein hochmodernes EDV-System der Firma Nixdorf eingeführt.
Zur gleichen Zeit werden weitere Zimmer mit eigenem Bad ausgestattet, ein zusätzlicher Konferenzraum und die Hotelbar kommen hinzu. Das Hotel stellt sich mehr und mehr auf den steigenden Zustrom von Messebesuchern und Geschäftsleuten ein.
Die kostbaren Bilder und Antiquitäten des Hauses sind zwar weiterhin unverzichtbarer Teil des Ambientes, doch so manches gute Stück verschwindet auf dubiose Weise und die Versicherungsprämien werden höher und höher. Vieles wird daher eingelagert und in Sicherheit gebracht. Manches wird später zu Gunsten der Stiftung versteigert.
Marius Müller-Westernhagen, Nadja Tiller und Walter Giller, Joachim Gauck, Manfred Stolpe, Matthias Wissmann und Erhard Eppler wohnen und tagen im Hotel National in den 1980-er und 90-er Jahren. Der CDU Landesverband schätzt die Lage des Grünen Salons im Erdgeschoss: Die Kabel der TV-Sender lassen sich direkt aus dem Fenster in den Übertragungswagen legen. Überhaupt wird in dieser Zeit viel Politik gemacht im National. Im Vorfeld des Misstrauensvotums gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt treffen sich regelmäßig die SPD Ministerpräsidenten im Hotel National zu Krisensitzungen, ganz ohne Presse und Öffentlichkeit.
Josef Steier - die Seele des National seit der Wiedereröffnung nach Kriegsende - stirbt im März 1991.
Die Neuen im National
Die Stadt Frankfurt als Trägerin des Wiesenhüttenstifts beschließt Mitte der 1990-er Jahre die Verpachtung des Hauses. Die Herren Lemler und Schwarzbart führen bereits die benachbarten Hotels Continental und Wiesbaden (heute Colour). Ihre Bewerbung als erfahrene Hoteliers überzeugt die Stiftung. Seit 1995 sind sie Pächter im National und treiben die Modernisierung des Hauses weiter voran. Doch über allem steht die Prämisse, das Ambiente und den Stil eines „Hauses ersten Ranges“ zu erhalten.
Danke
Ohne das Wissen und die Mitarbeit von Renate Derlon und Horst Tausch wäre diese Chronik nicht möglich gewesen.
Renate Derlon war von 1978 bis 1998 Hausdame im Hotel National. Sie erzählt heute mit einem Schmunzeln davon, wie sie sich bereits 1968 einmal im National beworben hat und von Lucie Pfoh sehr despektierlich behandelt wurde. So kam es, dass sie erst zehn Jahre später für das Hotel arbeiten wollte. Ein besonderes Anliegen war ihr immer die Ausbildung junger Menschen, die sie zu mitdenkenden Unternehmern und nicht zu Gehaltsempfängern erziehen wollte.
Und Einkaufsgemeinschaften waren bereits zu ihrer Zeit Gang und Gäbe: Wurden Seife oder neue Wäsche gebraucht, nahm Renate Derlon den Hörer in die Hand und stimmte sich mit den umliegenden Hotels ab, um günstigere Konditionen bei den Lieferanten zu erzielen.
Heute genießt Renate Derlon ihren Ruhestand im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Und wann immer ihre vielfältigen Interessen es zulassen, schaut sie im Hotel National vorbei.
Horst Tausch arbeitet seit 1970 am Empfang des Hotel National. Drei Diebe hat er durch seine Überredungskünste in die Flucht geschlagen. Lediglich der erste war einigermaßen erfolgreich und konnte einen kleinen Geldbetrag erbeuten.
Horst Tausch liebt sein National und könnte viele Geschichten erzählen, wenn es seine Diskretion zuließe. Ein Schweizer Banker hat ihm einmal einen 1.000 Franken-Schein in die Hand gedrückt. Da „regierte“ noch Lucie Pfoh im Hotel National und duldete keinerlei Damenbesuche. Mit dem Schein sollte Herr Tausch davon überzeugt werden, dass der Banker seine – zumindest nicht mit ihm verheiratete – Begleiterin mit auf das Zimmer nehmen durfte. Horst Tauch war so perplex, dass er heute nicht mehr sagen kann, ob die Dame bis ins Zimmer gelangt ist oder nicht. Den Geldschein aber hat er am nächsten Tag in einem verschlossenen Umschlag zurückgegeben.
Herr Tausch wird dem Hotel National noch ein paar Jahre erhalten bleiben.